PISA zeigt das Ergebnis. Aber wann beginnen die Probleme wirklich?
Die aktuellen PISA-Ergebnisse geben erneut Anlass zur Diskussion über die Leistungsfähigkeit unseres Bildungssystems. Wenn Schülerinnen und Schüler Schwierigkeiten beim Lesen, in Mathematik oder anderen grundlegenden Kompetenzbereichen zeigen, richtet sich der Blick schnell auf Schulen, Unterricht, Lehrkräfte und Bildungspolitik.
Doch möglicherweise setzt diese Diskussion zu spät an.
Denn eine andere große Datengrundlage erlaubt uns einen Blick auf einen sehr viel früheren Zeitpunkt: auf Kinder unmittelbar vor ihrem Eintritt in die Schule.
Die aktuellen Schuleingangsuntersuchungen der Region Hannover zeigen, dass bei einem erheblichen Teil der Kinder bereits zu diesem Zeitpunkt Auffälligkeiten in Bereichen bestehen, die für erfolgreiches Lernen von Bedeutung sind.
Fast 12.000 Kinder untersucht
Für den Einschulungsjahrgang 2025/26 wurden in der Region Hannover 11.799 Kinder untersucht.
Bei der ärztlichen Gesamtbefundung der Sprache ergibt sich ein bemerkenswertes Bild:
39,0 % der Kinder sind ohne Befund.
Demgegenüber stehen:
- 24,6 % mit leichter Auffälligkeit,
- 15,4 % mit Abklärungsbedarf und
- 18,5 %, die sich bereits in Behandlung befinden.
Damit haben 33,9 % der untersuchten Kinder entweder Abklärungsbedarf oder befinden sich bereits in Behandlung. Weitere 24,6 % werden als leicht auffällig beurteilt.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass 58,5 % der Kinder eine Sprachstörung haben. Die Kategorien beschreiben unterschiedliche Befundschweregrade und müssen voneinander unterschieden werden.
Es bedeutet aber sehr wohl: Nur 39 % der untersuchten Kinder werden in diesem Bereich ausdrücklich als ohne Befund ausgewiesen.
Es geht nicht nur um Sprache
Bei Wahrnehmung und Verarbeitung sind 56,8 % ohne Befund. 24,3 % werden als leicht auffällig beurteilt, bei 13,4 % besteht Abklärungsbedarf und 3,9 % befinden sich bereits in Behandlung.
Auch standardisierte Untertests des Entwicklungsscreenings SOPESS zeigen Auffälligkeiten.
Beim Nachsprechen von Pseudowörtern, das zur Beurteilung des phonologischen Arbeitsgedächtnisses eingesetzt wird, sind 10,6 % auffällig und weitere 14,4 % grenzwertig.
Bei der Visuomotorik, einer wichtigen Voraussetzung unter anderem für graphomotorische Leistungen und das Schreibenlernen, zeigen 20,5 % auffällige Ergebnisse. Bei Jungen liegt dieser Anteil sogar bei 26,7 %; weitere 17,6 % werden als leicht auffällig beurteilt.
Und auch frühe mathematische Kompetenzen verdienen Aufmerksamkeit: Beim Zählen bis 20 sind 14,0 % auffällig und 16,4 % grenzwertig. Bei der Simultan- und Mengenerfassung sind es 11,2 % beziehungsweise 18,4 %.
Von PISA zurück zum Schuleintritt
Hier entsteht eine interessante Verbindung.
PISA untersucht Kompetenzen von Jugendlichen. Die Schuleingangsuntersuchung betrachtet Kinder, bevor ihre eigentliche Schullaufbahn überhaupt begonnen hat.
Die beiden Untersuchungen messen vollkommen unterschiedliche Dinge und dürfen deshalb nicht als unmittelbarer Ursache-Wirkungs-Nachweis miteinander verknüpft werden.
Aber gemeinsam werfen sie eine wichtige Frage auf:
Beginnen unsere Bildungsprobleme wirklich erst in der Schule?
Wenn bei einem relevanten Anteil der Kinder bereits zum Schuleintritt Auffälligkeiten bei Sprache, Wahrnehmung und Verarbeitung, phonologischem Arbeitsgedächtnis, Visuomotorik oder mathematischen Vorläuferfähigkeiten sichtbar werden, reicht es nicht, erst Jahre später auf schlechte schulische Leistungen zu reagieren.
Dann müssen wir früher hinschauen.
Nicht Defizite verwalten, sondern Voraussetzungen schaffen
Kinder lernen nicht erst dann lesen, schreiben und rechnen, wenn ihnen diese Inhalte im Unterricht präsentiert werden.
Erfolgreiches Lernen setzt eine Vielzahl funktioneller Voraussetzungen voraus: Informationen müssen wahrgenommen, differenziert, verarbeitet, gespeichert und zuverlässig abgerufen werden können. Aufmerksamkeit muss gesteuert, Sprache verarbeitet und visuelle Information mit motorischer Handlung koordiniert werden.
Deshalb sollte die Diskussion nach PISA nicht ausschließlich lauten:
Wie verbessern wir Unterricht?
Eine mindestens ebenso wichtige Frage lautet:
Mit welchen Voraussetzungen kommen Kinder überhaupt in diesen Unterricht?
Genau hier liegt eine große Chance früher und differenzierter Entwicklungsdiagnostik.
Nicht, um möglichst viele Kinder mit einem Defizitetikett zu versehen.
Sondern um zu erkennen, wo Unterstützung sinnvoll ist, bevor aus ungünstigen Voraussetzungen manifeste Lernprobleme werden.
PISA zeigt uns, wo wir Jahre später stehen.
Die Schuleingangsuntersuchungen zeigen uns, dass wir möglicherweise sehr viel früher anfangen müssen.
Früher hinschauen. Lernvoraussetzungen verstehen. Gezielter fördern.
Quelle: Region Hannover, Fachdienst Kinder-, Jugend- und Zahnmedizin: Kindergesundheit im Blick, Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen 2025/26.
PISA zeigt das Ergebnis. Aber wann beginnen die Probleme wirklich?